Ich kann jedoch oft konkret benennen, wenn mich etwas ärgert. So geschehen mit diesem
Interview -- mit übler Rage hat das allerdings nichts zu tun. Da sind zwei Künstler, der Herr Cohen und die Frau Vega, von denen einige Songs ziemlich klasse sind, viele aber auch stinklangweilig, und die interviewen sich. Und der Herr Cohen erzählt lauter banales Zeug, dass man sich zu Tode langweilt, und die Frau Vega gibt ausweichende Antworten, dass es eine wahre Pracht ist. Wenn sie gern eine verschlossene Person sein will, fein, aber dann geht man halt nicht zum Interview (wie dereinst Joy Division), anstatt jede Frage mit
"Sag ich nicht!"
zu beantworten.
Am schlimmsten aber ist es, wenn der Herr Cohen originell sein will. Dann stellt er so bescheuerte Fragen, dass man gar keine andere Wahl hat als zu sagen,
"Sag ich nicht!"
, oder
"Weiß ich nicht!"
Das Ergebnis ist das nutzloseste, langweiligste und selbstverliebteste Interview das ich je gelesen habe.
Der naheliegende Vergleich sind Interviews mit einer anderen Künstlerin, die (auch) stream of consciousness lyrics schreibt: Tori Amos. Tori gibt bessere Interviews -- sie verrät mehr, hat lustige Anekdoten und interessante Sachinformation, und schreibt vor allem meist Songs, die sich eher der Interpretation öffnen; bei Frau Vega habe ich den Eindruck, dass oft ein bis zwei Puzzle-Stücke fehlen, also nicht im Song vorhanden sind, und dann in den Interviews nicht verraten werden.
Naja.
Zu den
Dingen die ich herausgefunden habe im Leben gehört unter anderem folgendes. Es gibt keine peniblen Leute, oder entspannte, oder brillante -- das sind Feld-, Wald- und Wiesen-Strukturanteile, die jeder hat, und jeder auf etwas anderes richtet -- sincerely yours,
the Breakfast Club.
Deshalb werde ich jetzt, damit ich überhaupt etwas zum Thema beitrage, erst über Leute klagen, die Dinge zu ernst nehmen, und dann über solche, die Dinge nicht ernst genug nehmen, kurz, ich werde mich auf die Essenz dieses Threads berufen und mich darüber beklagen, dass andere Menschen andere Präferenzen haben als ich.
Nun denn.
1. Klage. Ich bin
ENFP genug, um Bürokratie zu verabscheuen, also die Überregulierung von Dingen, die diesen Aufwand meiner Meinung nach nicht rechtfertigen.
2. Klage. Besonders im Internet treffe ich regelmäßig auf Menschen, die auch im Zeitalter der Rechtschreibprüfung Schwierigkeiten haben, sich in der eigenen Muttersprache auszudrücken, oder die sich schlicht keine Mühe geben. Ein
posting soll von Anspruch und Vorbereitung näher am Brief als am Gespräch liegen -- für letzteres gibt es ohnehin IRC und Instant Messaging. Mehr noch, ein Brief erreicht meist nur eine Person, ein Posting meist ein Vielfaches. Alles was der Autor des Postings durch Faulheit oder Unachtsamkeit an Unklarheit, fehlender Information oder Lesbarkeit verzapft, erzeugt bei den Lesenden Aufwand -- für jeden Lesenden einmal. Der Autor hält sich also für so toll, dass er seine Zeit für wertvoller hält als das Vielfache der Zeit anderer. Das Resultat: man hält den Autoren mindestens für unhöflich, möglicherweise auch für dämlich.
Apropos
dämlich
und
Sprache
. Was sind das eigentlich für Menschen, die Worte oder Phrasen schaffen oder verwenden, die
weder präziser
noch kürzer
noch anschaulicher sind als bereits bestehende? Nichts prollt mehr als "
mach Dir keinen Kopf" oder
Euronen -- das erste beschwört nicht einmal ein schlüssiges Bild, und das zweite... naja, was soll das? Geht es um die
Macht der Namensgebung? Ist das Geld dabei angsteinflössender Dämon, oder etwas, das Kosenamen bekommt? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, dass dieser Umgang mit Sprache Menschen in meiner Achtung so schnell sinken lässt wie sonst nur weniges.