D.h. wenn Du Dich in .de befindest, hast Du alle Einschränkungen die das lokale Recht mit sich bringt, aber gleichzeitig auch alle Nachteile daraus, dass andere sich nicht daran halten müssen. Du arbeitest zu ungleichen Bedingungen. Will ich eine Partei, die für Ungerechtigkeit eintritt?
Wirtschaftlich, kulturell, sogar sicherheitstechnisch – einerseits geht die Ideologie tendenziell weit in die libertäre
"Jede/r darf alles sagen"
-Richtung, mit
"der Staat kann (und soll?) Dich da nicht oder nur rudimentär schützen"
, andererseits fehlt aber in anderen Bereichen eine vergleichbare und dazu passende
"Verantwortung des/der Einzelnen, nicht Aufgabe des Staats"
-Einstellung. "Free speech" ohne 2nd Amendment ist hanebüchener Unsinn. Wenn denn der Staat keine Amme sein soll, fein, aber wenn der Staat seine Verpflichtung seine benachteiligten Gruppen zu schützen (Volksverhetzung usw.) negiert, dann muss er mindestens gleichzeitig der einzelnen die Möglichkeit geben, sich selbst zu schützen. Überhaupt, unbewaffnete Piraten, wo gibt's denn sowas! :)
Ich mutmasse auch, dass die Piraten da zum grossen Teil auch zynisch oder blauäugig sind, denn es handelt sich ja nun doch zu einem erheblichen Teil um einen Haufen weisser (mittelklasse-?) Jungs. D.h., wenn Minderheitenschutz versagt, was soll's, es trifft ja andere. So lange man der default ist in Bezug auf "Rasse," Klasse, "Geschlecht," sexuelle Orientierung – oder zumindest die meisten der genannten Eigenschaften – ist es einfach, die Sicherheit anderer für sein grosses soziales Experiment zu riskieren.
Und genau dort lokalisiere ich dann auch meine Probleme mit den Piraten, nicht an Scheinfronten wie Kinderpornographie – selbst wenn es mir Bauchschmerzen bereitet, nur eine Sorte Pornographie herauszugreifen und den Rest totzuschweigen.
Es ist das beinahe völlige Fehlen von Themen wie Minderheitenschutz usw. im öffentlich wahrnehmbaren Piratendiskurs, der die Piraten für mich zu sehr wie eine
"fuck you, I've got mine"
-Partei aussehen lässt:
"Hauptsache ich habe keine Einschränkungen, nach mir die Sintflut."
Was müssten die Piraten idealerweise leisten?
Sie müssten aufhören, für eine Kombination der Nachteile des Internets und der Deutschlands zu stehen. Es ist ohnehin unsinnig wenn ich z.B. an der US-Grenze gefragt werde,
"Wollen Sie hier arbeiten?"
Die Frage ist schon falsch gestellt. Was gemeint ist ist ja stattdessen,
"Wollen Sie einer aufrechten Amerikanerin die Arbeit wegnehmen?"
Man sieht unschwer, dass es keinen Sinn ergibt, sich auf uns netizens geographisch zu beziehen. (Sicher, es wäre zu klären, wie und wo Steuern gezahlt werden sollen, aber es ist ja nicht so, daß das derzeit nicht arbiträr wäre.) Würde ich in den USA am laptop arbeiten, auf einem server in Australien, arbeite ich dann in den US? In Oz? In beiden? Oder keinem? Oder am Ende eigentlich "im Internet"? Wem blockiere ich einen Job? Doch nicht spezifisch einem Europäer, oder Australier, oder Amerikaner. Sondern höchstens einem anderen "netizen."
Ich mutmaße, daß so lange die Piraten sowohl Deutsche als auch Netizens sein wollen, sie vermutlich unnötig Schaden anrichten werden.
Ich mutmaße außerdem, daß netizen-sein mit Amerikanerin-sein kompatibler ist als mit Engländerin-sein oder Deutsche-sein.
In einer idealen Welt würde das bedeuten, dass die Piraten
nur noch für "das Netz" stehen. Ist das ein bug? Zumindest in dem Sinne, daß es zur Zeit schwer leistbar ist. Ist es ein feature? Oh, ich glaube, ich hätte sehr gerne einen Pass aus meiner Heimat – dem internet.
In der Summe beeindruckt mich wenig, wo die Piraten stehen, denn das ist zum Teil im Dreck. Mich interessiert eher, wo sie hinkönnten, und ob sie es je soweit schaffen werden.
Die Piraten sind nicht wählbar. Aber vielleicht werden sie es.
Addendum
Auch
anderswo macht man sich
Gedanken. Wie immer ist Verlinkung nicht notwendigerweise endorsement. Interessant ist insbesondere die Existenz und Anzahl mutantiger Kommentare – erst "Polandgate" und die Nazi-Unterstellungen, jetzt die Maskulistendeppen. Mal sehen, wer als nächstes Begehrlichkeiten äußert. Wir wollen der jungen Partei da mal gar nicht notwendigerweise übles unterstellen, aber daß sie scheinbar mangelnd organisiert ist, um bei Vereinnahmungsversuchen von dümmlicher Seite angemessen schnell eine Replik bzw. ein Dementi am Start zu haben, ist schon schade und steht ihr nicht gut zu Gesicht.
Addendum
Siehe auch
ritinardo. Ich glaube zusammenfassen lässt sich dieser Kritikpunkt – den ich übrigens teile – als,
Die Piratpartei tut nicht genug um den Eindruck zu entkräften, daß eine signifikante Minderheit ihrer Sympathisanten mehr Gefallen an dem mit der unterstellten IT-Nähe einhergehenden Männerbastionsgedanken hat als an den eigentlichen Inhalten.
Das wäre doch mal ein Titel gewesen!
Die Piratenpartei – eine Männermasturbastion?
Addendum
Währenddessen schreibt
Mela dass man, wenn man sich vom ewig weiblichen lossagt, was immer das im Einzelfall ist, auch bei den Piraten gut (über-) leben kann. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halte. Einerseits ist es eine prima Sache, diese ganzen cliches und Erwartungshaltungen mal auf den Prüfstand zu heben und alles schlechte davon (was ja keineswegs allem entsprechen muss) wegzuwerfen. Andererseits ist das eine ziemliche hohe Schwelle (insbesondere für eine Partei, die dann angeblich mit Femininismus gar nichts zu tun hat :), und eine Erschwernis, die primär Frauen trifft?
Azundris fasst in einem Blogartikel zusammen was sie mir in den vergangenen Wochen immer wieder über IRC zu erklären versucht. Versucht nicht etwas aus ihrem Unvermögen es mir verständlich zu machen, sondern aus meinem Unvermögen dieses zu akzeptieren....
Tracked: Aug 31, 10:35
Ich wollte mich aus der Piraten-und-Gender-Debatte eigentlich raushalten, aber naja, the best laid plans of cats and men usw. Ich sehe, wie da massiv – und eigentlich unnötig – aneinander vorbeigeredet wird (teilweise aber auch, so scheint es, aggressi
Tracked: Sep 05, 11:54