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Friday, April 3. 2009
 I understand just a little —
¡No comprendo! — It's a riddle! —Wall of Voodoo, Mexican Radio
In dieser Stadt werd' ich immer nur ein Fremder sein, und allein! — Udo Jürgens, Griechischer Wein
Strange is your language, and I have no decoder — Peter Gabriel, I don't remember Weia.
Ich war letztens mit einer Freundin zum Brunch. Also, erst mal habe ich nach allen Regeln der Kunst verschlafen (Meisterin im, 2. Dan), und bin dann mit einem Taxi dahin gejettet. Und dann habe ich mir da einen zurechtgestammelt. Superpeinlich. Kein Satz heile. Macht nichts, sagte Birte, wir füttern Dir jetzt Kaffee. Das bewirkte dann auch Besserung. Schön.
Vorher kam allerdings so ein Mann bei uns am Tisch vorbei, der nach meinen Flöten (s. Bild) fragte und kein Deutsch konnte. Ich drehte mich zu ihm um und hatte ihn schon komplett geflooded bevor mir klar wurde, daß sein English eine Geschwindigkeitsbegrenzung hatte und er das mit den Tuten vielleicht sooo genau auch gar nicht hat wissen wollen. Dann: Katze — exponential back-off (nicht zu verwechseln mit Katz back-off).
Fünf Minuten später war dann auch mein Deutsch am Start.
Ich habe einen IRC-channel der Deutsch ist. Ich blogge manchmal auf Deutsch. Das geht alles auch schon morgens. Das ist es also nicht. Das Gehirn kommt schon recht früh um die Serpentinen der deutschen Sprache. Allein, die Zunge tut's nicht mehr. Zu fremd sind die Silben inzwischen, zumindest zeitweilig. Ich rede beim Brunch deutsch, und drei Sätze beim Einkaufen. Das war's. Gruselig.
So gesehen muss man vielleicht gar nicht aus Berlin wegziehen. Tolle Wurst. Komisch ist es aber trotzdem, denn schon wieder merke ich, wie die Lebensrealität von Menschen weiter auseinanderdriftet. Virtual tribes.
Letztens sass ich mit ein paar neuen Bekannten meiner Altersgruppe beim Klönen, und eine sagte, sie habe Angst vorm Fliegen, woraufhin ich sagte, Die ersten zwei Mal war's spannend, jetzt sind es eher drei Stunden extra Schlaf — «Weckt mich nicht zum Essen!» Worauf die Frage kam, wie oft ich denn flöge, und die Klarstellung, daß sie Angst hätte, überhaupt — zum ersten Mal — zu fliegen. Autsch. Das hatte ich nun überhaupt nicht auf dem Radar, dass es Menschen meines Alters in Westeuropa geben könnte, die überhaupt noch nie geflogen sind. Das ist ja nun spätestens seit den Billigfliegern kein Luxus mehr.
Ich weiss ja, daß gerade in Berlin eine ziemliche Pluralität an Lebensrealitäten vorhanden ist. Ich sag auch nicht, Ich wohn Prenzlauer Berg, so-und-so viel Quadratmeter, ich sage, Ach weh, ich hab mich gerade getrennt, und jetzt habe ich eine Wohnung am Hals, die für eine allein spürbar zu groß — und zu teuer! — ist. Wahr ist beides, aber das erste klingt zu leicht nach Angabe. Muss ja nicht sein. Und reich bin ich ja auch gar nicht.
Aber Realität drückt sich ja ohnehin gar nicht mal so sehr — oder jedenfalls nicht nur — in Geld aus, auch wenn es manches einfacher macht. (Die Theorie sagt ja, Vielen Kleinkram kann man ja mit Geld bewerfen — Zu spät? Taxi! Fensterputzer! Putzmann! — und hat dann mehr Zeit für abstraktere Probleme, die interessanter und/oder einträglicher sind. ) Ich kenne aber einen ganzen Haufen Leute — Studenten, Studerpel, und andere —, die zwar kein Geld haben, aber trotzdem interessante Gedanken (sich also mit abstrakten Problemen zu befassen schaffen). D.h., einen essentiellen Teil von "unterschiedlicher Lebensrealität" verorte ich ganz woanders, nämlich in der Wissbegierde und der Freude am eigenen Gedanken. Leider gibt es aber auch dort eine ziemliche Pluralität, wie ich jüngst schrieb, nachdem ich mal aus dem Elfenbeinturm des my friends, and my friends' friends (FoaF) gekullert bin. Mir floss da in Enttäuschung und Überraschung spontan folgende Minds on Fire -Klassifikatzion aus den Katzentatzen:
- "Leute wie Du und ich"
- Kennt viel Zeug nicht …
- … und hat nicht genug Interesse an neuem, um es in Wikipedia nachzuschlagen wenn es erwähnt wird …
- … und versteht es auch bei beliebig einfachen Erklärungen nicht …
- … und wird aggressiv wenn ihm/ihr unbekannte Worte oder Konzepte erwähnt werden.
Die Stufen 1-4 sind in dieser Reihenfolge OK, unverständlich, traurig, und echt nervig.
Ich denke immer, Bunt ist das Leben und granatenstark, Hoschi! , wenn ich auf ein unbekanntes Wort oder Konzept stosse, und schlage das flugs nach, mit einer eigenartigen Mischung aus Freude (Das Leben bietet immer noch Neues, vielleicht sogar Interessantes! ) und Scham (huch, über 30, und es gibt immer noch Zeug das ich nicht weiss! ).
Daß da Leute stattdessen regelmässig denken, Mir egal! , finde ich … naja, ein bisschen fremdartig (manche würden vielleicht auch hier schon "traurig" raten, aber ich will mal konservativ(!) sein, in dubio pro etc.), glaube ich.
Vielleicht ist das der Unterschied — die einen bleiben mit der Zunge an kaltem Metall kleben, und die anderem mit dem Gehirn an Wikipedia und e2 …
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